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Frage des Monats

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Rund um das Thema Hebammen und Geburtshilfe gibt es jede Menge Fragen. Wir versuchen Antworten zu geben. Die erste im Juni 2016. Und dann jeden Monat eine neue!

 
Frage des Monats November
 
Frage des Monats, November 2016

Was macht Hebammenarbeit so einzigartig?

Rund 80 Prozent der Hebammen arbeiten selbständig und können auch als so genannte Beleghebammen in Kliniken tätig sein. Sie betreuen Frauen vor, während und nach der Geburt ihres Kindes. Als erste Ansprechpartnerinnen bauen sie eine besondere Beziehung zu den Müttern und Familien auf und begleiten sehr eng den Prozess der Familienbildung. In dieser wohl größten Umbruchphase des Familienlebens stehen sie mit Rat und Tat zur Seite. Eine besondere Bedeutung kommt Hebammen während des Wochenbetts und der Stillzeit zu. Denn diese Besuche finden in der vertrauten, sicheren Umgebung zu Hause bei den Müttern und Familien statt. Diese regelmäßige, aufsuchende Tätigkeit von Hebammen ist im Gesundheitswesen, in dem es selten Hausbesuche gibt, bereits heute ein Alleinstellungsmerkmal.

Selbstvertrauen stärken

Hebammen arbeiten nach dem so genannten salutogenetischen Ansatz. Das bedeutet, sie unterstützen die Mutter, Zutrauen in ihre eigene Fähigkeit zu entwickeln. Sie helfen ihr dabei, einfach „guter Hoffnung“ zu sein. Denn eine Geburt ist etwas Normales.
Eine Hebamme hat umfassendes, auch medizinisches Wissen um den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt. Ihr Ziel ist, werdenden Müttern dabei zu helfen, kompetente Entscheidungen zu treffen. Qualifizierte Hebammenarbeit sorgt für eine gute Bindung zwischen Mutter und Kind und der ganzen Familie. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Gesundheit der ganzen Gesellschaft.

Umfassende Kompetenz

Vor der Schwangerschaft berät die Hebamme bereits zum Kinderwunsch sowie zur Empfängnisregelung. Bei glücklosen Schwangerschaften und Fehlgeburten ist sie eine einfühlsame und fachkompetente Begleiterin.
Vor der Geburt berät die Hebamme mit ihrem Fachwissen und unterstützt den natürlichen Verlauf der Schwangerschaft. Jede Hebamme ist dazu ausgebildet, Frauen medizinisch zu betreuen. Dazu gehört unter anderem die Schwangerenvorsorge, die in einer Praxis, oder auch zu Hause stattfinden kann. Es gehört zur Kompetenz von Hebammen, nicht unnötig einzugreifen aber dann Hilfe zu leisten, wenn es notwendig wird. Man kann auch sagen: Die Hebamme muss viel wissen, um wenig zu tun. Ein Arzt muss erst dann hinzugezogen werden, wenn etwas nicht mehr regelrecht verläuft. Natürlich berät die Hebamme auch bei der Entscheidung, ob das Kind in einer Klinik, in einem Geburtshaus oder zu Hause zur Welt kommen soll.
Während der Geburt ist in Deutschland immer eine Hebamme dabei. Das ist der gesetzlich festgelegte Anspruch aller Frauen. Eine Hebamme darf eine Entbindung alleine durchführen, wenn diese normal verläuft. Eine Ärztin oder ein Arzt darf dies nicht. Es muss immer eine Hebamme anwesend sein, auch bei einem Kaiserschnitt. Das Ziel ist jedoch, den normalen Verlauf des Geburtsvorgangs zu unterstützen. Nur wenn es medizinisch notwendig wird, soll in den Vorgang eingegriffen werden.
Nach der Geburt hilft die Hebamme während des Wochenbetts der werdenden Familie zu Hause. Dazu gehört zum einen die medizinische Betreuung. Zum anderen kommt auch in dieser Phase der psychosozialen Hebammenarbeit eine starke Bedeutung zu. Denn hier gilt es für die Eltern, sich in ihre neuen Rollen und in die neue Lebenssituation hineinzufinden, die Einheit von Eltern und Kind zu erlangen und späteren Problemen vorzubeugen. Zudem ist die Hebamme während der Stillzeit Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um die Versorgung und den Umgang mit dem Kind (z. B. bei Still- und Ernährungsproblemen) und zu Rückbildungsvorgängen bei der Mutter.

Was ist der Gesellschaft die Hebammenarbeit wert?

Hebammen folgen dem ethischen Anspruch, jeder Frau eine respektvolle, professionelle und fachkompetente Betreuung in dem Umfang anzubieten, den sie benötigt. Neben der fachlichen Qualifikation benötigt die Hebamme hierfür ausreichend Zeit für eine persönliche Betreuung. Diese wird heutzutage weder freiberuflich tätigen noch angestellten Hebammen zugestanden.

Eine hohe Arbeitsdichte und zu wenig Personal in Kliniken führen dazu, dass Hebammen nicht mehr so arbeiten können, wie sie es gelernt haben und wie es für die Betreuung der Frauen angemessen wäre. Deswegen arbeiten immer weniger Hebammen in Krankenhäusern oder nur noch in Teilzeit. Außerdem verdienen sie gemessen an ihrer hohen Verantwortung zu wenig.

Freiberuflich tätige Hebammen erhalten ebenfalls eine zu geringe Vergütung. Um jeder Frau die Betreuung zukommen zu lassen, die diese benötigt, müssen Sie zusätzlich zu den zu niedrigen Vergütungssätzen dauerhaft Mehrarbeit leisten. Dazu kommt der sich immer weiter ausbreitende Mangel an Hebammenhilfe. Bereits heute findet schon längst nicht mehr jede Frau eine Hebamme in ihrer Region. Dies zeigt auch unsere Landkarte der Unterversorgung, in die jeden Tag Frauen ihre ergebnislose Suche nach einer Hebamme eintragen (bit.ly/15sc0BV).
Erst wenn die Gesellschaft erkennt, dass Gesundheit nicht durch ein Höchstmaß an technischer Ausstattung erlangt werden kann und psychische Faktoren eine bedeutende Rolle spielen, wird der Wert der Hebammenhilfe richtig anerkannt. Wenn Mütter und Familien vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder individuell betreut werden können, dann erhalten sie wie auch die Hebammen, die sie betreuen, die gesellschaftliche Wertschätzung, die ihnen zusteht.

 

Frage des Monats Oktober
 
Frage des Monats, Oktober 2016

Warum ist die Kaiserschnittrate in Deutschland so hoch?

Anfang Oktober hat das Statistische Bundesamt die Kaiserschnittzahlen für das Jahr 2015 veröffentlicht. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Kaiserschnittrate von 31,8 auf 31,1 Prozent gesunken. Obwohl bereits seit drei Jahren kein Anstieg der Rate mehr zu verzeichnen ist, übt der Deutsche Hebammenverband Kritik: Denn laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist lediglich eine Kaiserschnittrate von bis zu zehn Prozent medizinisch notwendig. Kaiserschnitte können Leben retten, aber: Sie sollten nur im Notfall angewendet werden, da sie Risiken für die Gesundheit von Mutter und Kind bergen. Warum werden Gebärende in vielen Fällen dann einer nicht notwendigen Operation unterzogen, wenn es auch einen natürlichen Weg gibt? Die Gründe hierfür in Deutschland sind vielfältig.

Wunsch-Kaiserschnitt

Sehr wenige Schwangere wünschen sich explizit einen Kaiserschnitt – manche Prominente vermitteln dabei medienwirksam die medizinisch nicht notwendige Operation als beste Lösung für Mutter, Kind und Figur. Bei Befragungen von Müttern, die sich freiwillig zu diesem Eingriff entschließen, sind zwei Gründe ausschlaggebend: die Angst vor Schmerzen und die Angst vor Kontrollverlust. Zudem ist der falsche Glaube, ein Kaiserschnitt sei sicherer für die Gebärende und das Kind, weit verbreitet. Zu den möglichen Folgen der Operation für die Mutter gehören jedoch unter anderem Infektionen, Gewebeverletzungen und Wundheilungsstörungen. Studien zeigen außerdem, dass Kinder, die mit einem Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, ein erhöhtes Risiko für Diabetes, Allergien und anderen Autoimmunerkrankungen haben.

Fragwürdige Gründe in einem reichen Land

Eine weitere Ursache für einen Kaiserschnitt in Deutschland: In den Kreißsälen ist oft zu wenig Personal, um sich intensiv um jede Gebärende kümmern zu können! Im November 2015 hat das unabhängige Picker-Institut im Auftrag des DHV 1.692 angestellte Hebammen zu Ihrer Arbeitssituation in Kliniken in Deutschland befragt. Kaum noch eine Hebamme hat Zeit, eine Frau während der gesamten Geburt ungestört zu betreuen. Die Hälfte der Befragten betreut häufig drei Frauen, weitere zwanzig Prozent sogar vier und mehr Frauen parallel (Weitere Ergebnisse der Umfrage erhalten Sie hier). Ausreichend Personal mit genügend Zeit für eine individuelle Betreuung von Schwangeren würde jedoch die Angst vor Schmerzen und vor Kontrollverlust und damit die zu hohe Kaiserschnittrate senken können.

Mittlerweile nimmt durch die hohe Anzahl von Kaiserschnittgeburten zudem  das Wissen über die unterschiedlichen Verläufe einer normalen Geburt ab. Heute wird häufig schon bei der kleinsten Abweichungen im Geburtsverlauf von Gynäkologinnen und Gynäkologen eingegriffen. Es fehlen gültige Standards, wann ein Kaiserschnitt geboten ist. Die Entscheidung über seine Notwendigkeit ist deshalb in vielen Fällen subjektiv. Sie erfolgt auch aus Angst vor Fehlern und möglichen Geburtsschäden. Dies betrifft auch Hebammen. Denn oft sucht man bei ihnen die Schuld.

Falsche Sicherheit

Nur weil der Kaiserschnitt als harmlos gilt, ist er dennoch einer normalen Geburt nicht gleichwertig. Er geht schneller und verursacht an einer Stelle Kosten, die man an anderer Stelle für eine bessere Betreuung der Schwangeren einsetzen könnte. Gesundheitlich bringt er in vielen Fällen jedenfalls keinen Nutzen. Ein nicht nötiger Kaiserschnitt birgt sogar mehr Risiken für Mutter und Kind als eine normale Geburt. Niemand weiß hundertprozentig, wie sich das Kind im Bauch der Mutter entwickeln wird. Es muss allen klar sein, dass es vielleicht krank sein kann. Eine Garantie für ein gesundes Kind gibt es nicht, auch nicht bei einem Kaiserschnitt. Fakt ist: Trotz hoher Kaiserschnittraten sinkt die Mütter- und Kindersterblichkeit nicht weiter. Haben wir also nicht längst die Grenze der Kontrollierbarkeit des Geburtsvorgangs erreicht? Diese Frage muss gestellt werden.

Selbstbestimmt statt fremdbestimmt

In der Frage des Monats Juni „Was bedeutet eine gute Versorgung im Kreißsaal?“ verweisen wir bereits auf den von der Medizinhistorikerin Barbara Duden geprägten Begriff der „gekonnten Nicht-Intervention“: Dieser Begriff fordert das Nicht-Handeln, das Nicht-Einschreiten in der Geburtshilfe, wenn alles gut verläuft. Dazu ist es nötig, dass Hebammen und Ärzte ein umfassendes Wissen über den Geburtsvorgang haben und erst einschreiten, wenn es medizinisch notwendig ist.

Sie meint, es ist nötig, viel zu wissen, um nichts zu tun. Abwarten und begleiten, erst handeln, wenn es geboten ist. Es gilt zu verstehen, dass eine Geburt nicht planbar, nicht normierbar ist und nicht in abgrenzbaren Zeitfenstern verläuft. In der heutigen Gesellschaft ist es für viele Menschen zunehmend schwierig Geschehnissen die Zeit zuzugestehen, welche sie naturgemäß benötigen. Hierzu zählt auch die Dauer der physiologischen Geburt: Der Körper der Frauen und das noch Ungeborene bestimmen den Geburtsvorgang. Manchmal langsam und gemächlich, mit Pausen, ein anderes Mal rasant und überraschend. Beides ist richtig, solange es Mutter und Kind gut dabei geht.

Frage des Monats September
 
Frage des Monats, September 2016

Warum ist Stillen wichtig?

Ohne Zweifel ist Muttermilch die natürliche und damit gesündeste Ernährung für Säuglinge, denn sie enthält alle für die Entwicklung des Babys nötigen Inhaltsstoffe in optimaler Zusammensetzung. Muttermilch ist zudem mehr als nur Nahrung. Der enge Körperkontakt während des Stillens vermittelt dem Säugling Liebe und Geborgenheit und fördert die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind. 

Deshalb beginnen nach der Geburt rund 80 - 90 Prozent der Frauen in Deutschland mit dem Stillen. Sowohl Hebammen als auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen das ausschließliche Stillen gesunder Säuglinge für etwa sechs Monate. Auch nach Einführung von Beikost ist es ratsam nach Bedarf des Babys im gesamten zweiten Lebenshalbjahr und gerne auch länger weiter zu stillen (wenn Mutter und Kind dies wünschen). 

Das soziale Umfeld prägt den Stillprozess

Dennoch stillen viele Mütter ihre Kinder deutlich früher als empfohlen ab. Gründe hierfür liegen oft im sozialen Umfeld der Mutter. Durch polarisierende Debatten zum Thema Stillen in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz und durch die massive Werbung für Muttermilchersatzprodukte entwickeln die Mütter nicht selten Ängste und Hemmschwellen, die sie negativ beeinflussen und damit das Stillen erschweren . Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, sollten in der Öffentlichkeit Orte zur Verfügung stehen in denen sich stillende Mütter wohl fühlen. In Osnabrück hat die Aktion „Zum Stillen Willkommen“ hierfür regional die Weichen gestellt. Zahlreiche Firmen, Geschäfte, Cafés und Einrichtungen haben sich der Aktion angeschlossen und sorgen in ihren Räumen für eine stillfreundliche Atmosphäre für Mutter und Kind. Ein Aufkleber weist diese Orte als stillfreundlich aus. Auch der Deutsche Hebammenverband hat im vergangenen Jahr im Rahmen der Weltstillwoche auf Bundesebene eine Landkarte der stillfreundlichen Orte erstellt. Dadurch soll mehr Akzeptanz für das Stillen erreicht und werdende, wie auch bereits stillende Mütter unterstützt werden.

Umfassende Aufklärung durch die Hebamme

Bei allen Fragen rund um das Stillen ist die Hebamme eine Schlüsselfigur. Sie pflegt einen engen Kontakt zu den Frauen und betreut sie idealerweise schon ab Beginn der Schwangerschaft . In dieser Zeit kann sie die Schwangere umfassend auf das Stillen vorbereiten, sie mit allen wichtigen Informationen versorgen und zudem Ängste und Unsicherheiten abbauen. Anders als Ärzte haben Hebammen mehr Zeit für die Betreuung der werdenden Mütter und können sie darin unterstützen den Fähigkeiten ihres Körpers zu vertrauen. Eine gute Körperwahrnehmung wirkt sich nicht nur positiv auf das Stillen aus sondern hat auch Einfluss auf einen physiologischen Verlauf der Schwangerschaft und eine selbstbestimmte Geburt. 

Die Weltstillwoche 2016

Um die Bedeutung des Stillens hervorzuheben, findet jährlich die Weltstillwoche in über 120 Ländern statt. Sie wird als die größte gemeinsame Kampagne aller das Stillen fördernder Organisationen initiiert. Darunter sind das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die „World Alliance for Breastfeeding Action“ (WABA) wählt jedes Jahr ein neues Thema. Die diesjährige Weltstillwoche vom 3. bis zum 9. Oktober 2016 steht unter dem Motto „Stillen – Fundament für nachhaltige Entwicklung“ („Breastfeeding – a key to sustainable development“). Sie weist darauf hin, dass sich Stillen sowohl für gegenwärtige als auch für kommende Generationen und ihre Umwelt „nachhaltig“ auswirkt. Außerdem soll sie neue informative Impulse setzen, um das Engagement zur Förderung und Unterstützung des Stillens allgemein zu stärken.

Nachhaltigkeit durch das Stillen

Der WABA Co-Geschäftsführer Dr. Amal Omer-Salim erklärt den Aspekt der Nachhaltigkeit wie folgt: „In einfachen Worten bedeutet nachhaltige Entwicklung eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der jetzt lebenden Menschen erfüllt, ohne dabei zu riskieren, dass künftige Generationen ihren Bedarf nicht mehr befriedigen können.“ Als natürliche Nahrung für Säuglinge und Kleinkinder, trägt das Stillen zur Bekämpfung von Armut und Hunger bei und unterstützt dabei die bestmögliche körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Anders als Muttermilchersatzprodukte, ist das Stillen die optimale Alternative für eine umweltfreundliche Ernährung ohne Energieverschleiß und Abfallproduktion.

Weitere Informationen zur Weltstillwoche

Frage des Monats August
 
Frage des Monats, August 2016

Warum schließen so viele Kreißsäle in Deutschland?

Seit Jahren geht die Anzahl der Kreißsäle massiv zurück: Gab es 1991 noch 1186 Krankenhäuser mit Geburtshilfe, waren es 2014 nur noch 725. Dies bedeutet einen Rückgang um rund 40 Prozent.

Die Folgen für Schwangere sind dramatisch: Mit dem Verlust der geburtshilflichen Abteilungen müssen sie nicht nur immer längere Wege in Kauf nehmen, wenn sie ihr Kind zur Welt bringen wollen, es fehlen auch Hebammen für Vorsorgeuntersuchungen und die Wochenbettbetreuung. Und auch Geburtshäuser können nur dort existieren, wo auch Krankenhäuser in der Nähe sind, in die im Notfall verlegt werden kann.

Zwar werden heute im Vergleich zu 1991 zwar weniger Kinder geboren, doch die Geburtenrate ist insgesamt nur um etwa 12 Prozent gesunken. Warum schließen trotzdem so viele Kreißsäle?

Ökonomisierung des Gesundheitswesens

Seit Jahren fokussieren sich die Krankenkassen vorrangig darauf, ihre Ausgaben zu verringern und die Klinikbetreiber darauf, ihre Erträge zu steigern. Der Deutsche Ethikrat sieht diese Effekte dieser Entwicklung im Hinblick auf das Patientenwohl mit Sorge (2016). Im Zuge dieser Ökonomisierung des Gesundheitswesens wurden viele Kliniken geschlossen. 1991 zählte das Statistische Bundesamt noch rund 2400 Krankenhäuser in Deutschland, 2014 waren davon noch 1979 übrig.

Andere haben sich auf besonders gewinnbringende Behandlungsverfahren konzentriert. Medizinische Fachbereiche, die für Krankenhausbetreiber ökonomisch nicht attraktiv sind, wie zum Beispiel Geburtshilfe oder Kinderheilkunde, wurden und werden daher abgebaut. Dies zeigt sich auch an den Zahlen deutlich: Während der Rückgang der Kliniken von 1991 bis 2014 rund 18 Prozent betrug, war dieser bei den Kreißsälen im selben Zeitraum mehr als doppelt so hoch.

Zentralisierung der Geburtshilfe

Nur wenn genügend Geburten stattfinden und diese dabei möglichst viel Geld einbringen, lohnt sich eine geburtshilfliche Abteilung. Besonders bedenklich ist dabei, dass es in der Fallpauschalenlogik für natürliche Geburtsverläufe, die viel Zeit, aber wenig technische Intervention verlangen, vergleichsweise wenig Geld gibt. Das führt dazu, dass sich geburtshilfliche Abteilungen mit einer geringen Interventionsrate und wenigen Frühgeburten nicht rechnen und sich das Angebot immer mehr auf spezialisierte Versorgungszentren konzentriert..

Personalmangel aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen

Und auch Krankenhäuser, die weiter Geburtshilfe anbieten möchten, müssen oftmals die Türen zu ihrem Kreißsaal, zumindest vorübergehend, schließen. Der Grund: Sie finden nicht genügend Hebammen. Die Arbeitsbelastung in den Kliniken ist seit Jahren massiv angestiegen.  Oftmals müssen drei und mehr Geburten gleichzeitig betreut werden, Pausen fallen weg und Überstunden sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen können und wollen viele Kolleginnen nicht mehr arbeiten. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit oder kündigen sogar.

Zu hohe Haftpflichtprämien für Hebammen und Ärzte

Ein weiterer Grund für die Kreißsaalschließungen sind die steigenden Haftpflichtprämien für freiberuflich tätige Hebammen und Ärztinnen und Ärzte. In zahlreichen Kliniken arbeiten Hebammen nicht angestellt, sondern freiberuflich als sogenannte Beleghebammen. Dasselbe gilt für die Ärztinnen und Ärzte. Dadurch sparen die Krankenhäuser zwar Sozialversicherungsbeiträge und Haftpflichtprämien. Diese müssen aber von den Freiberuflerinnen aufgebracht werden. Wenn sie dazu nicht mehr in der Lage sind, steigen viele Hebammen und Gynäkologinnen aus der Geburtshilfe aus und der Kreißsaal muss schließen.

Aktuelle Schließungen von Kreißsälen finden Sie auf unserer Karte der Kreißsaalschließungen.

 

Frage des Monats Juli 2016
 
Frage des Monats, Juli 2016

Brauchen wir eine neue Wochenbettkultur?

Täglich suchen werdende Mütter in ganz Deutschland erfolglos eine Hebamme. Wie in jedem Jahr verschärft sich die Situation in den Ferienzeiten, denn auch Hebammen machen Urlaub. Dies zeigen auch die Einträge in der „Landkarte der Unterversorgung“ des Deutschen Hebammenverbandes. Hier melden täglich Frauen aus ganz Deutschland die ergebnislose Suche nach einer Hebamme, an erster Stelle für das Wochenbett. Jetzt zu Beginn und während der Sommerferien schnellen die Zahlen in die Höhe. Laut einer bundesweiten Umfrage unter mehr als 2.000 Hebammen im Jahr 2015 haben rund 84 Prozent der Hebammen mehr Anfragen für eine Wochenbettbetreuung, als sie annehmen können. Rund 70 Prozent lehnen bis zu fünf Frauen jeden Monat ab, rund 21 Prozent zwischen sechs und zehn Frauen und rund 12 Prozent über 10 Frauen. Ein Zustand, der in dieser bedeutenden Lebensphase einer jungen Familie untragbar ist.

Eine Geburt bedeutet für die Mutter große seelische und körperliche Veränderungen. Der neue Lebensabschnitt ist für sie und auch für die Familie ein vollkommener Wandel aller gewohnten Strukturen. Während der sogenannten Wochenbettbetreuung nach der Geburt steht in dieser Zeit Frauen und auch ihren Familien eine Hebamme zur Seite. Sie ist die Ansprechpartnerin für die ersten Erfahrungen mit dem Kind und hilft den Frauen in ihre Rolle als Mutter hineinzuwachsen. Dabei geht es nicht nur um medizinische Fragen. Ein wichtiger Teil der Hebammenarbeit in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt ist der psychosoziale Aspekt: die Unterstützung des Bondings – dem Aufbau einer intensiven Mutter-Kind-Beziehung. Darüber hinaus beurteilt die Hebamme Rückbildungs- und Abheilungsvorgänge, sie unterstützt das Stillen und hilft auch in Krisensituationen, teils durch Vermittlung unter anderem an Fachärzte oder Therapeuten und Beratungsstellen.

Wochenbettbetreuung braucht einen geschützten Raum

Trotz der großen Bedeutung für Mutter, Kind und Familie wird die Zeit des Wochenbetts oft unterschätzt. „In dieser sensiblen Phase benötigen Mutter und Kind ausreichenden Schutz“, so Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. „Dies kann die Hebamme wie keine andere Berufsgruppe unterstützen, denn sie übt einen aufsuchenden Beruf aus. Dadurch können sich Mutter und Neugeborenes zu Hause miteinander vertraut machen. Die Bedeutung dieses geschützten Raumes wird immer wieder unterschätzt – deshalb ist eine neue, gesellschaftlich breit anerkannte Wochenbettkultur unerlässlich.“

Diese Forderung ist umso wichtiger, da mittlerweile viele Frauen keine Hebamme für die Wochenbettbetreuung finden. Die Gründe, dass in diesem Bereich Hebammen fehlen, sind unter anderem der allgemeine Hebammenmangel, hohe Haftpflichtprämien und schlechte Vergütung. Katharina Jeschke, DHV-Präsidiumsmitglied, hat für die unangemessene Bezahlung dieser wichtigen Betreuungsleistung für Mutter und Kind kein Verständnis: „Für einen Wochenbettbesuch erhält die Hebamme eine pauschale Vergütung, die in keinem Verhältnis zur real benötigten Arbeitszeit steht. Eine Verkürzung dieser Betreuungszeit ist unmöglich, denn dann würden die Bedürfnisse der jungen Familie zu kurz kommen.“

Wochenbettsprechstunden im Krankenhaus sollten die Ausnahme bleiben

Um Abhilfe zu schaffen, bieten unter anderem immer mehr Hebammen und Krankenhäuser Wochenbettsprechstunden an. Sie sollen möglichst vielen Familien, zu denen keine Hebamme nach Hause kommt, die Betreuung gewährleisten. Der DHV betont, dass diese Notlösung keinesfalls die aufsuchende Hilfe von Hebammen am Wochenbett ersetzen darf und nur in Notfällen ausnahmsweise durchgeführt werden sollte. Der Verband fordert deshalb, dass der geschützte Raum des Wochenbetts ohne Einschränkungen für die junge Familie erhalten bleibt und ihm eine größere Bedeutung beigemessen wird. Aspekte wie Erholung, Mutter-Kind-Bindung und Neuorientierung müssen nahtlos funktionieren, da die sozialen Bindungen, welche in der Zeit des Wochenbetts gefestigt werden, immensen Einfluss auf die Neubildung einer Familie haben.

 

 
Frage des Monats, Juni 2016

Was bedeutet eine gute Versorgung im Kreißsaal?

 

98 Prozent der Frauen entscheiden sich, ihr Kind in einer Klinik zur Welt zu bringen. Sie vertrauen darauf, dort nicht nur gut medizinisch, sondern auch psychosozial betreut zu werden. Dazu gehört, dass sie während der Geburt durchgängig von einer Hebamme begleitet werden, am besten in einer 1:1-Betreuung.

Jede Geburt ist einzigartig und jede gebärende Frau hat ein Recht auf eine individuelle, ihren Bedürfnissen entsprechende Begleitung. Manche Geburten gehen spontan und schnell vonstatten. Bei anderen brauchen die Frauen mehr Zeit. Hebammen sollten ihnen dabei immer mit genügend Zeit zur Seite stehen. Sie schauen auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Frauen. Denn sie sehen Geburten als einen physiologischen Vorgang, in den so wenig wie möglich eingegriffen werden sollte. Dieser vom Gesunden ausgehende, ressourcenorientierter Betreuungsansatz stärkt die Selbstkompetenz der Frauen.

Gekonnte Nicht-Intervention

Die Medizinhistorikerin Barbara Duden hat hierfür den Begriff der gekonnten Nicht-Intervention geprägt. Abzuwarten und die Frauen zu stärken, ihnen jeweils die für sie nötige Zeit und Unterstützung zu gewähren und sie in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen, das ist oft schwerer als in den Geburtsverlauf einzugreifen. Unsere Gesellschaft ist davon geprägt, dass wir aktiv gestalten und machen wollen. Das Geschehen lassen und sich Zeit nehmen passt nicht zum durchrationalisierten und ökonomisierten Klinikalltag. Hinzu kommen Ängste. Die Ängste der Frauen, die Geburt nicht bewältigen und die Schmerzen nicht aushalten zu können, die Ängste der Hebammen und Ärztinnen juristisch belangt zu werden, wenn das Kind krank ist und nach Verantwortlichen dafür gesucht wird. Auch deshalb gehören in den meisten Kreißsälen in Deutschland Interventionen wie die Gabe von Wehenmitteln, PDA (Periduralanästhesie) und Kaiserschnitte zum Alltag. Sie können notwendig und sogar lebensrettend sein. Vielfach werden sie jedoch selbst dann eingesetzt, wenn sie gar nicht erforderlich sind. Das hat auch mit der Arbeitsbelastung der Hebammen zu tun: Je weniger Zeit die Hebammen für die Gebärenden haben, desto mehr unnötige Interventionen finden statt.

Sicherheit durch ausreichend Hebammen

Wie der Deutsche Hebammenverband aus einer aktuellen, repräsentativen Umfrage unter angestellten Hebammen in Kliniken (2015) (PDF-Dokument) weiß, betreuen über die Hälfe der Hebammen häufig drei oder mehr Frauen gleichzeitig während der Geburten. Hinzu kommen umfangreiche Dokumentationspflichten sowie das häufige Ausfallen der Pausen, Überstunden und Nachtdienste. Auch dies kann die Sicherheit der gebärenden Frauen gefährden.

Denn Sicherheit bedeutet nicht nur, dass medizinische Notfälle gut und schnell versorgt werden können, sondern in erster Linie, dass heikle oder gefährliche Situationen rechtzeitig erkannt werden. Dafür müssen die Hebammen eng und nahe bei den Frauen sein und nicht nur den CTG-Verlauf der Herztöne und Wehen über einen Monitor aus einem Büro heraus kontrollieren. Dafür braucht es ausreichend Hebammen in den Kreißsälen, bei den Frauen.

Wenn das Neugeborene dann auf der Welt ist, schüttet die Frau jede Menge Hormone aus. Deswegen können in den ersten Stunden nach der Geburt besonders gute und intensive Bindungen zwischen Mutter und Kind aufgebaut werden. Dieses sogenannte Bonding stärkt das Urvertrauen des Kindes und die Mutter-Kind-Beziehung. Hebammen achten darauf, dass die Frauen nach der Geburt genügend Ruhe und Hautkontakt mit ihrem Baby erhalten, damit das Bonding und damit auch das Stillen gelingen kann.

Wohnortnahe  Versorgung

Zu einer guten Versorgung der Schwangeren gehört auch, dass Kreißsäle in Wohnortnähe verfügbar sein müssen. Doch leider schließen immer mehr kleinere geburtshilfliche Abteilungen in Deutschland, selbst wenn sie eine gute Geburtshilfe für die Frauen vorhalten. Die Fahrtwege verlängern sich dadurch und es ist zu befürchten, dass Frauen immer öfter ihre Kinder auf dem Weg in die Klinik oder auf einem Parkplatz zur Welt bringen müssen. So sieht keine gute und sichere geburtshilfliche Versorgung aus.

Die Kreißsäle brauchen eine Qualitäts- und keine Mindestbesetzung mit Hebammen. Der Wert einer geburtshilflichen Abteilung darf sich nicht daran bemessen, dass möglichst viel Gewinn erwirtschaftet wird, sondern dass die Frauen und Neugeborenen optimal versorgt werden. Denn: Auf den Anfang kommt es an.
 

Wenn Sie Ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt bringen möchten, fragen Sie mit unserem Klinikfragebogen nach, ob Ihnen während der Geburt auch immer eine Hebamme zur Seite stehen wird.

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