Warum schließen so viele Kreißsäle in Deutschland?

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Warum schließen so viele Kreißsäle in Deutschland?

Seit Jahren geht die Anzahl der Kreißsäle massiv zurück: Gab es 1991 noch 1186 Krankenhäuser mit Geburtshilfe, waren es 2018 nur noch 655. Dies bedeutet einen Rückgang um rund 40 Prozent.

Die Folgen für Schwangere sind dramatisch: Mit dem Verlust der geburtshilflichen Abteilungen müssen sie nicht nur immer längere Wege in Kauf nehmen, wenn sie ihr Kind zur Welt bringen wollen, es fehlen auch Hebammen für Vorsorgeuntersuchungen und die Wochenbettbetreuung. Und auch Geburtshäuser können nur dort existieren, wo auch Krankenhäuser in der Nähe sind, in die im Notfall verlegt werden kann.

Bis Mitte des letzten Jahrzehnts ist die Geburtenrate zwar gesunken, doch seit einigen Jahren steigt sie wieder. Warum also schließen trotzdem so viele Kreißsäle?

Ökonomisierung des Gesundheitswesens

Seit Jahren fokussieren die Krankenkassen vorrangig darauf, ihre Ausgaben zu verringern, und die Klinikbetreiber darauf, ihre Erträge zu steigern. Der Deutsche Ethikrat sieht die Effekte dieser Entwicklung im Hinblick auf das Patientenwohl mit Sorge (2016). Im Zuge dieser Ökonomisierung des Gesundheitswesens wurden viele Kliniken geschlossen. 1991 zählte das Statistische Bundesamt noch rund 2400 Krankenhäuser in Deutschland, 2018 waren davon noch 1925 übrig.

Andere haben sich auf besonders gewinnbringende Behandlungsverfahren konzentriert. Medizinische Fachbereiche, die für Krankenhausbetreiber ökonomisch nicht attraktiv sind, wie zum Beispiel Geburtshilfe oder Kinderheilkunde, wurden und werden daher abgebaut. Dies zeigt sich auch an den Zahlen deutlich: Seit 1991 wurden mehr als doppelt so viele Kreißsäle geschlossen als Kliniken.

Zentralisierung der Geburtshilfe

Nur wenn genügend Geburten stattfinden und diese dabei möglichst viel Geld einbringen, lohnt sich eine geburtshilfliche Abteilung. Besonders bedenklich ist dabei, dass es in der Fallpauschalenlogik für natürliche Geburtsverläufe, die viel Zeit, aber wenig technische Intervention verlangen, vergleichsweise wenig Geld gibt. Das führt dazu, dass sich geburtshilfliche Abteilungen mit einer geringen Interventionsrate und wenigen Frühgeburten nicht rechnen und sich das Angebot immer mehr auf spezialisierte Versorgungszentren konzentriert.

Personalmangel aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen

Und auch Krankenhäuser, die weiter Geburtshilfe anbieten möchten, müssen oftmals die Türen zu ihrem Kreißsaal, zumindest vorübergehend, schließen. Der Grund: Sie finden nicht genügend Hebammen. Die Arbeitsbelastung in den Kliniken ist seit Jahren massiv angestiegen.  Oftmals müssen drei und mehr Geburten gleichzeitig betreut werden, Pausen fallen weg und Überstunden sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen können und wollen viele Kolleg*innen nicht mehr arbeiten. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit oder kündigen sogar.

Zu hohe Haftpflichtprämien für Hebammen und Ärzt*innen

Die steigenden Haftpflichtprämien von Hebammen werden seit Juli 2015 in Form eines Sicherstellungszuschlages ausgeglichen. Dieser wird auf Antrag der Hebamme rückwirkend ausbezahlt. Der Sicherstellungszuschlag deckt den Großteil der Kosten für freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen ab.

Zwar sparen die Krankenhäuser durch selbständig tätige Ärzt*innen und Hebammen die Sozialversicherungsbeiträge und Haftpflichtprämien, aber diese müssen dann von den Freiberufler*innen selbst aufgebracht werden. Wenn sie dazu nicht mehr in der Lage sind, steigen viele Hebammen und Gynäkolog*innen aus der Geburtshilfe aus und der Kreißsaal muss schließen.

Aktuelle Schließungen von Kreißsälen finden Sie auf unserer Karte der Kreißsaalschließungen.

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